Synagoge Bingen

Die Synagoge in Bingen – wieder ein Haus für jüdisches Leben

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Deutsch: Die Synagoge in Bingen – wieder ein Haus für jüdisches Leben

Englisch: The Synagogue in Bingen – Once More a Home for Jewish Life

Russisch: Синагога в Бингене- снова дом для еврейской жизни

Hebräisch/Iwrit: בית הכנסת בבינגן – שחזר להיות אכסניה לחיים יהודים   

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Architekt: Professor Ludwig Levy aus Karlsruhe.

Baustil: Nach dem Zeitgeist im romanischen Kirchenbaustil mit 5 Türmen aus weißem Vogesensandstein gebaut. Der Baugrund, ein Weinberg wurde vom Weinhändler Feist für 40 000 Mark gekauft. Die jüdische Gemeinde entschied, dass ein Neubau notwendig wurde, da die alte Synagoge in der Rheinstraße 2- 4 baufällig war.

Feierliche Einweihung am 21.9.1905. Amtierender Rabbiner war Dr. Richard Grünfeld. Die Bürger der Stadt nahmen großen Anteil an der Einweihung; so flaggten sie die gesamte Rochusstraße. Etwa 7% der Bevölkerung war jüdisch (über 700 Personen). In der Synagoge konnten etwa 400 Personen Platz finden. Der Toraschrein aus der alten Synagoge wurde überführt. Die Stadt Bingen spendete einen Beitrag von 6000 Mark für die Orgel.

33 Jahre Nutzung als Synagoge von einer blühenden liberalen Gemeinde. Im rechten Seitenflügel befanden sich Versammlungsräume  für die Gemeindemitglieder.

Pogromnacht 9/10. Nov. 1938: Nationalsozialisten zündeten die Synagoge an. Die Rochusstraße war nachmittags voller Menschen. Die damalige Feuerwehr bewässerte die umliegenden Gebäude, damit sie nicht Feuer fingen. Die Juden und die Synagoge wurden nicht geschützt. Das Hauptschiff und das Innere mit mehr als 60 Tora – Rollen brannten aus. Die Außenmauern, die Fassade mit den von zwei Löwen bewachten eingemeißelten Gesetzestafeln in hebräischer Schrift und beide Seitentrakte blieben erhalten.

Zwangsverkauf: Der Binger Winzerverein kaufte im März 1939 das gesamte Grundstück für 12 000 Reichsmark. 10 000 Reichsmark wurden der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt, da sie die geforderten Abrissarbeiten bezahlen sollte. Das Gebäude sollte nicht mehr als Synagoge zu erkennen sein. 1960 Verkauf an die Bezirkswinzergenossenschaft.

Ruine: 32 Jahre wurde die ehemalige Synagoge mit einem Bauzaun abgesperrt.

Nutzung: Der Binger Winzerverein betrieb viele Jahre in dem rechten Gebäudetrakt ein Weinlokal mit Tanzmusik. Das Hinweisschild für die Schänke war neben den hebräischen Gesetzestafeln angebracht.

Eigentümer nach 1945: In Deutschland mussten alle jüdischen Grundstücke an die Eigentümer zurückgegeben werden. Rechtsnachfolger der Binger jüdischen Gemeinde wurde die Mainzer jüdische Gemeinde. Die Stadt drängte die Mainzer jüdische Gemeinde das Terrain in Ordnung zu bringen.

Kauf: Anfang Juni 1961 kaufte die Stadt Bingen das gesamte Gelände von der inzwischen sehr klein gewordenen jüdischen Gemeinde in Mainz für 2000 DM. Weitere 9 Jahre verwahrloste das Anwesen zusehends.

1970 Abriss der Synagoge, des linken Seitengebäudes und des Portals. Die Stadt ließ nur das rechte Seitengebäude stehen. An Stelle des Portals und des linken Gebäudeteils wurde ein Wohnblock im Stil der 70er Jahre errichtet. Es gehörte zum Zeitgeist, sich den nationalsozialistischen Verbrechen nicht zu stellen und die Vergangenheit zu entsorgen. Fazit: die Nationalsozialisten hatten die Synagoge angezündet – die Stadt Bingen war für die anschließende Verwahrlosung und die Abrissarbeiten nach 32 Jahren verantwortlich.

Nutzung und weiterer Missbrauch des Restgebäudes: Im Erdgeschoss richtete die Stadt Versammlungsräume für die Feuerwehr ein und baute eine Reihe Garagen für die Feuerwehrautos auf dem hinteren Gelände. Im 1. Sock wurden die Räume, in denen noch Kapitelle und Gewölbe existieren, zunächst für eine Zahnarztpraxis baulich verändert – später als Wohnung genutzt. Im 2. und 3. Stock entstanden Wohnungen.

Auf die Außenmauer wurde Florian der Schutzheilige der Feuerwehrleute im folkloristischen Stil aufgemalt. Als blondgelockter Riese dargestellt, löscht er ein Feuer und trägt eine Fahne, auf der das christliche Symbol – ein Kreuz zu sehen ist. Dies stellt für Juden, die sich in dem Haus wieder versammeln und für jüdische Besucher, die aus vielen Teilen der Welt anreisen, einen Affront dar.

Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge seit März 1983. Die Festredner betonten, dass diese Tafel ausdrücklich „beunruhigen“ soll.

Im Jahr 2000 hatte der aus Brasilien stammende Binger Isaac Botler die Idee, in der ehemaligen Synagoge ein „Museum der Geschichte des jüdischen Bingens“ einzurichten, arbeitete Pläne dazu aus. Er wurde vom AKJB abgewiesen.

Eine Gruppe jüdischer Kontingentflüchtlinge versuchte 2006 Versammlungsräume zu bekommen. Die Stadt verwies sie auf das Kulturzentrum. Bei einer geplanten Veranstaltung mit einem Rabbiner stand die Gruppe auf der Straße.

Freiwerden der Wohnung im 1. Stock: Am 8. April 2008 starb die letzte Mieterin.

Idee im August 2008: Diese leer stehende Wohnung, in der noch Kapitelle und Gewölbe zu sehen sind und die Symbolcharakter für Juden hat, wieder herzurichten. Sie sollte multifunktional als Versammlungs-, Gedenk-, Workshops-, Ausstellungs-, Fest- und Gebetsräume für die seit den 1990er Jahren wachsende Zahl jüdischer Bürger genutzt werden können.

Brief an die Oberbürgermeisterin Frau Collin- Langen am18.9.2008 diesbezüglich.

Absage im Namen der Stadt mit dem Hinweis, dass geplant ist, die leere Wohnung als Büroräume der Feuerwehr herzurichten.

Innenaufnahme der renovierten Räume

 

Innenaufname der renovierten Räume

Gründung des Vereins „TIFTUF- Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute“ am 14.12.2008. Dr. Menakhim Shterental, 2. Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Mainz hatte der Initiative TIFTUF geraten, einen Verein zu gründen. Ziel war es die renovierungsbedürftige Wohnung in der Rochusstraße 10 wieder mit jüdischem Leben zu füllen.

Unterschriftenaktion für die Initiative von TIFTUF mit 175 geleisteten Unterschriften, die der Stadtverwaltung übergeben wurden. Dennoch wurde das Begehren abgelehnt. Nun war Eile geboten, bevor die Stadt bauliche Fakten schaffen würde.

Information der Bürger durch die Presse, TV und Rundfunk am 30.12.2008.

Zweiter Brief von TIFTUF an Oberbürgermeisterin Frau Collin- Langen am 3.1.2009 mit der Bitte um einen Gesprächstermin.

Treffen am 9.1.2009 mit der Oberbürgermeisterin Frau Collin- Langen, um die Nutzung in dem historischen Gebäude zu besprechen. TIFTUF stimmte dem Vorschlag der Stadt zu, die Wohnung baulich zu teilen und der Feuerwehr einen Teil für Büroräume zu überlassen. TIFTUF erklärte sich auch zu der gemeinsamen Nutzung mit dem „Arbeitskreis jüdisches Bingen (AJKB)“ bereit.

Zweites Gespräch mit der Stadt Bingen: Am 25.2.2009 bestätigte die Stadt den Umbau der Räume in zwei Einheiten. Die vorderen zwei Drittel erhielt die Feuerwache, der hintere Teil mit den noch vorhandenen Kapitellen und Gewölben wurde für die Vereine TIFTUF und AJKB eingeplant. Die Stadt übernahm die Kosten für die Renovierungsarbeiten.

 Übergabe der renovierten Räume durch die Oberbürgermeisterin Frau Collin- Langen im Namen der Stadt Bingen am 8.11.2010. „Wir haben dazugelernt“ betonte sie. Für „TIFTUF – Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute“ ist es von besonderer Bedeutung, sich gerade in diesem noch erhaltenen historischen Trakt zu Veranstaltungen zu jüdischen Themen versammeln zu können.

Chanukkafeier

Erstes jüdisches Fest nach 73 Jahren in der ehemaligen Synagoge: TIFTUF feierte am 5.12.2010 (28. Kislew 5770) das Chanukkafest in den nun renovierten Räumen und gründete ein Lehrhaus. Es nahmen überraschend viele TIFTUF- Mitglieder an diesem Fest teil. Jüdischem Leben wurde zum „Fest der Tempel- Einweihung“, wie Chanukka auch genannt wird, wieder Platz in diesem Haus gegeben!

Projektion eines Fotos von der zerstörten Binger Synagoge an die Fassade des rechten erhalten gebliebenen Seitenflügels

27.1.2011 „Tag der Befreiung von Auschwitz und Gedenktag für die Opfer der Nationalsozialisten“: TIFTUF projizierte ein Foto der ehemaligen Fassade von 1905 an die Außenwand des Gebäudes. Dies wurde in den folgenden Jahren wiederholt.

Das Modell der beeindruckenden früheren Binger Synagoge wurde durch Architekturstudenten der Braunschweiger Technischen Universität gebaut.

Dr. Josef Götten vom AKJB äußerte bei der Präsentation eines Nachbaus dieses Modells am 28.1.2006: „Man darf darüber nachdenken … in dem historischen Gebäude ein Museum einzurichten.“ Der AKJB gab dem Modell einen würdigen Platz in den Räumen. Fotos von der Synagoge von Karl Berrenberg und die Dokumentation einer der Deportationen der Binger Juden wurden dort aufgehängt.

TIFTUF- Mitglieder brachten die Mesusa an dem Türpfosten zum Lehrhaus an.

Die Anschaffung eines Klaviers war für TIFTUF sehr bedeutend. Die Vereinsmitglieder können wieder musizieren.

Der Binger Hochzeitsstein aus dem 17. Jahrhundert, der heute im Israelmuseum in Jerusalem hängt, wurde von TITUF zur Erinnerung als großes Foto angebracht. Zu Hochzeiten hat der Bräutigam ein Glas an ihm zerbrochen. Dies ist ein Brauch, der am großen Freudentag einer Hochzeit an die Zerstörung des Tempels erinnert.

Binger Hochzeitsstein aus dem 17. Jahrhundert

Die Menora von Liliana Rothschild im Lehrhaus TIFTUF.

Menora

Ziel: Das Foto der Fassade von 1905 soll zur Erinnerung an die ehemalige Synagoge an die Außenwand des Restgebäudes gemalt werden. Dafür will TIFTUF werben.

Projektion eines Fotos von der zerstörten Binger Synagoge an die Fassade des rechten erhalten gebliebenen Seitenflügels. Foto: M. Berg.

Text: Dorothea Dürsch, 2012

 Weitere Informationen:

 Alemannia Judaica, URL: http://www.alemannia-judaica.de/bingen_synagoge.htm [Stand: 16.02.2013].

Alicke Klaus- Dieter, Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Gütersloher Verlagshaus, 2008.

Arbeitskreis jüdisches Bingen, URL: http://www.juedisches-bingen.de.

Arnsberg Paul, die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang- Untergang- Neubeginn, Societäts– Verlag, 1971.

Encyclopaedia Judaica, Volume 4 B, Jerusalem 1972.

Fischbach Stefan / Westerhoff Ingrid (Bearb.), „….und dies ist die Pforte des Himmels“. Synagogen in Rheinland- Pfalz und Saarland, Hg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005.

Gedenktafel soll und muss beunruhigen. Feier zur Erinnerung an die lange Geschichte der Juden in Bingen und ihrer Leiden. in: Allgemeine Zeitung Bingen vom 28.3.1983.

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Englisch: The Synagogue in Bingen – Once More a Home for Jewish Life

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